Wie sicher ist Ihr Geld im ETF? Die echten Risiken — und die eingebildeten

2026-07-21

Dieser Artikel richtet sich an Anleger in Deutschland — Steuerregeln und Broker-Beispiele gelten entsprechend.

Kurz gesagt: Bei einem breiten, günstigen ETF, den Sie über Jahrzehnte halten, sind die katastrophalen Szenarien — Anbieter pleite, Broker pleite, Betrug — größtenteils schon durch die Konstruktion abgefedert. Die realen Verlustquellen sehen anders aus: Panikverkauf im Crash, Kaufkraftverlust durch zu viel Sicherheit, Kosten. Und die gefährlichste sitzt nicht im Produkt, sondern in Ihnen selbst. Ehrliche Wahrscheinlichkeiten gibt es nicht — aber eine klare Rangfolge, was Sie wirklich fürchten sollten.

„Und wenn ich einfach alles verliere?" — das ist die Frage, die viele vom Investieren abhält. Sie ist berechtigt. Aber die meisten Ängste zielen auf die falschen Risiken. Sortieren wir sie in drei Schubladen: die von der Konstruktion abgefederten, die realen und die seltenen Extremfälle.

1. Risiken, die die Konstruktion bereits abfedert

Die Fondsgesellschaft geht pleite. Ihr ETF-Vermögen wird als Sondervermögen geführt — nach § 92 KAGB rechtlich getrennt vom Vermögen der Kapitalverwaltungsgesellschaft (etwa iShares oder Xtrackers). Geht diese insolvent, fällt Ihr Anteil nicht in die Insolvenzmasse. Das Verwaltungsrecht erlischt (§ 99 KAGB), und das Sondervermögen geht auf die Verwahrstelle über, die es abzuwickeln und an die Anleger zu verteilen hat (§ 100 KAGB). Ihr Anteil bleibt Ihrer.

Wichtige Ausnahme, die oft übersehen wird: Diese Regel gilt nicht für ETCs und ETNs. Börsengehandelte Rohstoff- und Krypto-Papiere sind rechtlich Schuldverschreibungen, kein Sondervermögen — dort tragen Sie ein Emittentenrisiko. Wer also einen Gold-ETC hält, sollte wissen: Der Insolvenzschutz eines ETF greift hier nicht in gleicher Weise. Seriöse Gold-ETCs sind stattdessen physisch mit Gold besichert — prüfen Sie das, bevor Sie kaufen.

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Sonderfall synthetische ETFs. Ein Swap-ETF bildet den Index nicht durch Kauf der Aktien ab, sondern über einen Tauschvertrag mit einer Bank — daraus entsteht ein Kontrahentenrisiko. Die UCITS-Regeln begrenzen es: Die Risikoposition gegenüber einem einzelnen Kontrahenten darf höchstens 10 % des Fondsvermögens betragen (5 %, wenn es kein Kreditinstitut ist). In der Praxis liegen die Anbieter deutlich darunter, weil Swaps meist täglich zurückgesetzt und die Positionen mit Sicherheiten hinterlegt werden — oft über den geforderten Wert hinaus. Ein Restrisiko bleibt, aber es ist gedeckelt und überwacht.

Ihr Broker geht pleite. Wertpapiere in Ihrem Depot gehören Ihnen, nicht dem Broker, und werden getrennt verwahrt. Bei einer Broker-Insolvenz werden sie herausgegeben oder zu einem anderen Institut übertragen — ohne Betragsgrenze. Die Einlagensicherung von 100.000 € pro Kunde und Bank schützt separat das Bargeld auf dem Verrechnungskonto.

Danebensteht die Anlegerentschädigung: 90 % der Forderung, maximal 20.000 €. Diese Zahl verunsichert viele — zu Unrecht. Sie greift nur in dem seltenen Fall, dass Wertpapiere gar nicht herausgegeben werden können, also etwa bei Veruntreuung. Bei einer gewöhnlichen Insolvenz bleiben Ihre Anteile Ihr Eigentum und wandern zum nächsten Broker, unabhängig von der Depotgröße.

Betrug. Der klassische Totalverlust durch Betrug trifft, wer in unregulierte „Produkte" mit versprochenen Traumrenditen investiert. Ein regulierter UCITS-ETF über einen regulierten Broker schließt genau diese Kategorie strukturell aus.

Kurz: „Der Anbieter macht mit meinem Geld weg" ist bei einem regulierten UCITS-ETF eines der unwahrscheinlichsten Szenarien.

2. Die realen Risiken — hier verlieren Menschen wirklich Geld

Panikverkauf. Der mit Abstand größte reale Verlusttreiber. Solange Sie halten, ist ein Kurssturz nur ein Buchverlust. Erst der Verkauf im Tief macht ihn echt — und danach den Wiedereinstieg zu verpassen kostet oft noch mehr als der Crash selbst.

Wie teuer das ist, versucht Morningstar in seiner jährlichen Studie „Mind the Gap" zu messen: Über die zehn Jahre bis Ende 2024 erzielte der durchschnittlich investierte Dollar 7,0 % pro Jahr, während die Fonds selbst 8,2 % lieferten — eine Lücke von 1,2 Prozentpunkten jährlich, rund 15 % der gesamten Fondsrendite.

Ehrlichkeitshalber zwei Einschränkungen: Die Daten stammen aus dem US-Fondsmarkt, und die Höhe der Zahl ist wissenschaftlich umstritten — eine akademische Untersuchung derselben Datenbasis kommt auf deutlich weniger, weil ein Teil der Lücke methodisch bedingt ist und nicht durch schlechtes Timing. Die genaue Größe ist also strittig, die Richtung nicht: Wer viel hin und her handelt, bleibt hinter dem eigenen Fonds zurück.

Zur Einordnung, was so eine Lücke bedeutet: Bei 300 € monatlich über 30 Jahre macht 1,2 Prozentpunkte weniger Rendite am Ende rund 76.000 € aus.

Zu viel Sicherheit. Wer aus Angst im Tagesgeld bleibt, verliert nicht nominal, aber real: Die Inflation frisst die Kaufkraft. Das ist keine Theorie. Im April 2026 lag der Realzins auf täglich fällige Einlagen bei −2,4 %, auf das Sparbuch bei −2,2 % — und damit den 64. Monat in Folge im Minus. Über fünf Jahre ununterbrochen. Historisch sind negative Realzinsen bei Spareinlagen eher die Regel als die Ausnahme. Das fühlt sich sicher an und ist doch ein schleichender Verlust. → Tagesgeld oder ETF?

Kosten. Kein Crash, sondern ein Leck: Laufende Gebühren summieren sich über Jahrzehnte spürbar. Ein Rechenbeispiel — 300 € monatlich, 30 Jahre, angenommene 7 % Bruttorendite:

  • bei 0,20 % TER: rund 352.000 €
  • bei 1,50 % TER: rund 274.000 €

Rund 78.000 € Unterschied, etwa 22 % des Endvermögens — allein durch 1,3 Prozentpunkte Gebühren. Eingezahlt haben Sie in beiden Fällen 108.000 €. (Illustratives Beispiel bei konstanter Rendite, keine Prognose.)

Konzentration. Einzelaktie, eine Branche oder ein einzelnes Land — hier kann man real und dauerhaft verlieren. Ein breiter Welt-ETF entschärft das: Der MSCI World enthält rund 1.280 Unternehmen aus 23 Industrieländern, der MSCI ACWI mit Schwellenländern rund 2.460. Wichtig zu wissen: Diese Streuung ist nicht gleichmäßig — auf die USA entfallen im MSCI World derzeit rund 70 %. Breit heißt also breit gestreut, nicht gleich verteilt. → Was ist UCITS?

Einstiegszeitpunkt. Eine große Einmalanlage genau am Hoch schmerzt. Ein Sparplan glättet den Einstieg über die Zeit. → Dollar-Cost-Averaging

3. Die Extremrisiken, die niemand ganz wegsichern kann

Ehrlich bleiben: Es gibt Szenarien, gegen die auch die beste Konstruktion nicht vollständig schützt.

Totaler Markt- oder Länderausfall. Krieg, Enteignung, eine dauerhaft geschlossene Börse. Das ist kein theoretisches Konstrukt — 2022 ist es passiert: MSCI stufte die Russland-Indizes zum 9. März zu einem Preis von praktisch null herab, FTSE Russell strich russische Titel bereits am 7. März mit Wert null. Der Grund war nicht der Kurssturz allein, sondern die Unverkäuflichkeit: geschlossene Börse, ausgesetzter Handel in Hinterlegungsscheinen, ein Verbot für Ausländer, lokal zu verkaufen.

Entscheidend ist aber, wen das tatsächlich getroffen hat — und genau hier zeigt sich der Wert der Streuung:

  • Länder-ETFs auf Russland: faktisch Totalverlust.
  • Breite Schwellenländer-ETFs: Russland machte vor dem Ausschluss rund 3 % des Index aus. Die Fonds schrieben die Position auf null ab — ein Verlust von etwa 3 %, spürbar, aber kein Desaster.
  • MSCI World: gar nicht betroffen. Russland war dort nie enthalten, weil es kein Industrieland ist.

Das Extremszenario ist also real. Aber es vernichtet ein Depot nur dann, wenn man vorher auf ein einzelnes Land gesetzt hat. Die einzige wirksame Antwort darauf ist genau die Streuung, die ein breiter ETF ohnehin mitbringt.

Währungsrisiko. Als Euro-Anleger halten Sie über einen Welt-ETF überwiegend Werte in Fremdwährung — bei rund 70 % US-Anteil hängt ein Großteil am Dollarkurs. Dieses Risiko verschwindet nicht, und die verbreitete Aussage, es „gleiche sich über die Zeit aus", ist zu bequem.

Richtiger ist: Wechselkurse haben keine systematisch positive oder negative erwartete Rendite. Über kurze Zeiträume können sie viel ausmachen, über lange Zeiträume treten sie hinter die Aktienrendite zurück, und ob eine Absicherung genutzt oder geschadet hätte, wechselt in Zyklen — verlässlich prognostizieren lässt es sich nicht. Eine Absicherung kostet dagegen sicher: währungsgesicherte Varianten sind in der Regel teurer als ihre ungesicherten Geschwister. Deshalb verzichten die meisten langfristigen Aktienanleger darauf. Ein verbreiteter Kompromiss lautet: Aktien ungesichert, Anleihen gesichert — weil dort die Währungsschwankung sonst die ganze Rendite überlagert.

Und die „Wahrscheinlichkeiten"?

Sie haben nach Wahrscheinlichkeiten gefragt — und hier die ehrliche Antwort: Eine präzise Prozentzahl für „der Markt erholt sich nie" gibt es nicht, und wer sie Ihnen nennt, erfindet sie. Was sich seriös sagen lässt, ist, wie es bisher gelaufen ist.

Für den US-Markt, für den die längsten Datenreihen existieren, gilt grob: Ein durchschnittlicher Bärenmarkt seit 1928 dauerte gut 400 Tage vom Hoch bis zum Tief, bei einem Rückgang um etwa ein Drittel. Die schweren Fälle: Dotcom-Krise 2000–2002 rund −49 %, Finanzkrise 2008 rund −48 %, beide mit mehreren Jahren bis zur vollständigen Erholung. In 12 von 15 Bärenmärkten seit 1945 waren Anleger nach weniger als drei Jahren wieder bei null; die Ausreißer waren 1973/74, 2000 und 2008 mit jeweils über vier Jahren. Der Gegenpol: Der Corona-Einbruch 2020 war nach rund vier Monaten aufgeholt.

Zwei Einschränkungen dazu, damit die Zahlen nicht mehr versprechen, als sie können. Erstens beziehen sie sich überwiegend auf den US-Markt, nicht auf einen Welt-Index. Zweitens sind es nominale Werte — rechnet man die Inflation heraus, dauerten die Erholungen deutlich länger. Nach der Ölkrise 1973 etwa waren es real über neun Jahre.

Der praktische Kern bleibt derselbe: Ob Sie am Ende Geld verlieren, hängt weniger vom Produkt ab als von Ihrem Verhalten.

Fazit

Breit streuen, günstig bleiben, lange halten und im Sturm nicht verkaufen — damit sind die katastrophalen Szenarien größtenteils abgefedert. Die Extremrisiken sind real, aber selten, und die einzige Antwort darauf ist Diversifikation. Das größte vermeidbare Risiko sitzt am Steuer: Sie selbst.


Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ist keine Anlageberatung. Rechenbeispiele sind Illustrationen bei angenommenen Renditen, keine Prognosen. Vergangene Wertentwicklungen garantieren keine zukünftigen Ergebnisse.